Das Jahr 1950 brachte die entscheidende Wendung im Leben Serge Mouilles. Er hatte das Entwerfen und die Lehrtätigkeit beiseite gelegt, versuchte nun seine generellen Kenntnisse im Bereich von Interieur und Dekoration zu erweitern und arbeite ab jetzt für die Galeries Lafayette, jenes berhmte, große Kaufhaus im Herzen der Metropole, das bei den Einwohnern von Paris immer wieder durch seine aufwendigen Schaufenstergestaltungen im Gespräch war. Hier kam er mit dem führenden Designer jener Jahre, Jean Adnet, zusammen. Adnet erkannte auf Anhieb das besondere Gestaltungstalent Serge Mouilles. Mehr noch, er ließ ihn frei arbeiten und ermunterte ihn zu eigenen Entwürfen. Und genau hier beginnt die Geschichte einer lebenslangen Beziehung zum Licht. Man kann durchaus behaupten, dass Serge Mouille sich mit großer kreativer Energie auf das sehr spezielle Thema Licht fokussiert hatte. Anders als beim Entwerfen von Schreibtischen oder Stühlen kam bei der Gestaltung von Licht auch eine technisch-physikalische Komponente ins Spiel, die den jungen Designer schon von der ersten Aufgabenstellung zu Beginn der fünfziger Jahre geradezu faszinierte. Wenn man sieht wie die elegant gestalteten Leuchtenköpfe die Lichtmasse sammeln und wohldosiert in den Raum abstrahlen, bekommt man eine vage Vorstellung von der Entwurfsleistung, die einer solchen Form zugrunde liegt. Bereits seine ‚Lampadaire trois bras‘, eine dreiarmige Stehleuchte aus dem Jahr 1952, verdeutlicht den genialen Ansatz Mouilles überdeutlich. Nicht umsonst ist dieser mittlerweile fast siebzig Jahre alte Entwurf ein Meilenstein in der Geschichte der Leuchtendesigns. Mit seiner speziellen Begabung für das Thema Licht, seinen innovativen Entwürfen und seiner Art, mit Licht Räume auf eine neue Art erfahrbar zu machen, öffnen sich die beginnenden 50 Jahre wie ein weites Tor in die Zukunft. Der gerade erst 30 Jahre alte Mouille wird zum gefragten Partner der bekannten Dekorateure, zum gerne gesehenen Gast auf den innovativen Salons und Messen. Mouilles Leuchten stehen für das moderne Frankreich, für einen neuen Ansatz von Wohnen, einen sachlich-eleganten Stil, so wie ihn Charlotte Perriand, Jean Prouvé oder Le Corbusier vertreten. Mit seinen raumgreifenden Wandleuchten, seinen reduzierten Standleuchten oder auch seinen Wandappliken. Frankreich zeigt sich in den 50 Jahren selbstbewusst und voller Stolz. Serge Mouilles moderne Leuchten auf den Titelseiten der Wohnzeitschriften, der Citroen DS auf der Straße, Dior im Ballsaal und die Nouvelle Vague auf den Leinwänden. Ein Land erfindet sich neu!

Mit der Eröffnung der Galerie Steph Simon am Boulevard Saint-Germain findet die Wohn-Avantgarde einen Ort, an dem sie sich endgültig etablieren kann. Steph Simon, eine Integrationsfigur der Pariser Nachkriegsjahre, fasst in seiner Möbelgalerie zusammen, was zusammen gehört: die Form Libre Tische und die Nuage Regale von Charlotte Perriand mit den Standard Stühlen und den Trapèze Tischen von Jean Prouvé, die minimalistischen Keramiken von George Jouve. Die eleganten Leuchten von Serge Mouille werden im Dialog mit den fragilen Papierlampions des japanischen Künstlers Noguchi gezeigt. Eine wunderbare Zusammenstellung von Gestaltern und Designern die sich auch gegenseitig schätzten.


Serge Mouille, der mit Henri Depierre kurz vorher jemanden gefunden hatte, der die kleine Produktion nach seinem Qualitätsdenken in Schwung hielt, erntete nun die Früchte seiner besonnenen und konstruktiven Denkweise. Die Gelenke und Leuchtenschirme, die Wandansatzstücke und die fragilen Rohre der Leuchten ließen sich untereinander kombinieren, sodass man die zeitaufwendige Manufakturarbeit ganz gezielt auf die Qualität ausrichten konnte. Das war damals nicht anders als heute. Den Platz in der kleinen Werkstatt auf dem Land vor Paris teilen sich heute noch ein gutes Dutzend Mitarbeiter, die mit Stolz auf die Leuchten schauen, die den langwierigen Herstellungsprozess hinter sich gebracht haben und in der Qualität das Haus verlassen, mit der ihr Entwerfer zu Lebzeiten die Leuchten selbst noch gebaut hat. Doch zurück zu Serge Mouille: Ende der fünfziger Jahre werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus und Serge Mouille heiratet ein zweites Mal. Er hat die richtige Frau an seiner Seite. In Gin Baty findet er eine Frau, die seine Arbeit versteht, ihm den nötigen Rückhalt für die Entwicklung bietet und ihm den Rücken freihält. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: die zunehmende Nachfrage nach den Leuchten, die überaus erfolgreiche Teilnahme an der Weltausstellung in Brüssel 1958, all das fordert jetzt seinen Tribut und Mouille muss nach einer Tuberkolose-Diagnose für Monate in ein Sanatorium.

1961 schließlich eröffnet er seine Werkstatt etwas größer im 11. Arrondissement von Paris und er bezieht Philippe Rogier als Assistenten ein, der ihn entlastet. Seine Leuchten sind mittlerweile fast schon ein Garant für Auszeichnungen, Medaillen und Preise auf großen Messen und Ausstellungen. Er nutzt zudem die Zeit um einige neue Leuchten zu entwerfen, dazu gehören etwa röhren,- oder stelenförmige Standleuchten: die Signals und auch Totems, innovative Leuchten für ein neues Jahrzehnt, deren Konstruktion die damals salonfähig und modern gewordenen Leuchtstoffröhren miteinbezog. Mehr als dies wurde Mouille immer wieder damit beauftragt, bestimmte Sonderentwicklungen für Kreuzfahrtschiffe oder auch Bibliotheken zu entwerfen, schließlich auch Wandleuchten, in denen er versuchte den modernen Kunststoffen wie Dallux Kunstglas Rechnung zu tragen.

Um 1965 entschließt sich Serge Mouille, die Herstellung der Leuchten herunterzufahren und nur noch seiner Berufung als Professor zu folgen. Inzwischen ist er zu einer wichtigen Persönlichkeit und gefragten Kapazität in der Ausbildung für angehende Designer geworden. Mehr als jemals zuvor tritt jetzt das Interesse an seiner Person und seinen Designs im Lichtbereich zutage. In seinen letzte Lebensjahren muss Serge Mouile sich um Ruhm nicht sorgen,- keine wichtige Ausstellung in Paris die nicht mit seinen Kreationen aufwartet, keine Ehrung die ihm versagt bleibt. Gemeinsam mit Jean Prouvè wird er sogar in New York gezeigt.

Am Ende steht der gesundheitlich angeschlagene Mann aus Paris in seiner Werkstatt und baut aus übrig gebliebenen Materialien die er dort vorfindet eine letzte, richtungsweisende Leuchte. Die hohe, schlanke Lichtsäule wirkt wie ein elegantes Behältnis, in dem Mouille die Kraft es Lichtes für ewige Zeiten aufbewahren wollte. Diese Leuchte, heute in der Collection des Centre Pompidou, ist so besehen das Vermächtnis von Serge Mouille, der im Dezember 1988 verstarb.